130 Tage Pacific Crest Trail: Ein Interview

Es gibt sicherlich andere Herausforderungen für einen 24-Jährigen, doch Michael Döppler zieht es an die Westküste der USA auf eine ganz einmalige Tour. Er kündigt seinen Job, um 4240 km in der Wildnis zu wandern. Birgit Neumair ist mit ihm im Gespräch über Beweggründe, Erfahrungen und Erlebnisse, die der McTREK Mitarbeiter vom Pazific Crest Trail zu erzählen hat.

 

Interview mit Outdoorfan Michael Döppler

Nach einem kurzen Herantasten, gibt Michael Döppler schnell zu erkennen, dass ihm ein entspanntes Du besser gefällt, als das förmliche Sie.

Michael, Du hast eine ereignisreiche Zeit hinter Dir. Ein bisschen haben wir von der Reise durch Deine Berichte auf dem McTREK-Blog erfahren. Aber spannende Fragen bleiben doch noch. Wie lange bist Du schon wieder in Berlin?

Seit dem 10./11. September. Ich war ungefähr viereinhalb Monate unterwegs, reine Trail-Zeit 130 Tage.

Das ist eine ungewöhnlich lange Zeit für einen Urlaub. Das stelle ich mir in der Umsetzung nicht einfach vor.

Tatsächlich ist es einfacher als man denkt. Um dieses Abenteuer zu starten, musste ich die Dinge erledigen, die bei jedem normalen Urlaub in die USA auch anfallen, wie Reisepass beantragen, Flug buchen und ein Visum organisieren. Um Transport ( laufen) und Unterkünfte musste ich mich ja nicht kümmern. Zuletzt kündigte ich meinen Job in der Berliner McTREK-Filiale. (Für den 24-Jährigen wohl kein Problem – aus anderer Perspektive könnte dies zumindest zum Nachdenken auffordern). Vor Ort half mir ein Reiseguide und Kartenmaterial bei der Suche nach der nächsten Wasserquelle und den Ortschaften für die Proviantbeschaffung, denn der Pacific Crest Trail führt kaum durch Dörfer, sondern nur dran vorbei. Meistens musste ich dorthin trampen oder laufen. Von der reinen Idee bis zum Beginn meiner Tour hat es in etwa ein Jahr gedauert.

Wie kam es überhaupt zu dieser Idee? Bist Du Marathonläufer oder Ultramarathoni und wolltest die ultimative sportliche Herausforderung? Was hat Dich bewegt?

Ha ha, nein, überhaupt nicht. Du wirst es wahrscheinlich nicht glauben, aber mein Vorbereitungs“training“ bestand darin, die letzten drei oder vier Wochen vor dem Start mit meinem Rucksack zur Arbeit in die Berliner McTREK-Filiale zu laufen, um mich an ihn zu gewöhnen. Das sind hin und zurück vielleicht sechs Kilometer. Ich glaube daran, dass eine leichtere Ausrüstung (5kg oder weniger!) mehr Spaß und Sicherheit beim Wandern bringt. Mit dem Thema Leichtausrüstung beschäftige ich mich, seitdem ich den Wunsch habe, einen langen Trail zu erleben. Mir gefiel es noch nie, schwere Lasten mit mir herumzutragen. Wer sich mit dieser Thematik beschäftigt, gelangt früher oder später unweigerlich auf die amerikanischen Fernwanderwege. Der Pacific Crest Trail ist einer von Ihnen. Er beginnt an der Grenze von Mexiko verläuft im Westen der USA bis zur kanadischen Grenze. Das sind insgesamt ca. 4240 km. Bei diesem Trail ist die Logistik nicht all zu kompliziert, man sieht täglich atemberaubende Landschaften und ist stets in der noch wilden Natur, anstatt sich durch Dörfer zu schlengeln. Einen sportlichen Aspekt hatte es für mich weniger, ich hatte nur Spaß am Laufen und draußen sein.

1300 Leute klingt zunächst nach unglaublich viel, aber da nicht alle gleichzeitig starten und ein guter Teil nach ein paar Wochen schon wieder aufhört, dünnt es sich kurzerhand aus. Gerade zu Beginn, als ich noch nicht so genau wusste, was auf mich zukommt, hatte ich Trailpartner für den gemeinsamen Weg. Schnell war mir aber klar, dass dies nicht unbedingt ein Vorteil ist. Über so eine weite Distanz muss jeder sein eigenes Tempo und auch die Streckenlänge, die er täglich wandern möchte, selbst bestimmen, sonst kommt man nicht in den eigenen Rhythmus. So bin ich überwiegend allein unterwegs gewesen. Auf manchen Abschnitten begleitete mich jemand, wenn es zufällig passte; in einigen Ortschaften, in denen ich Zerodays (Pausentage) eingelegte, traf ich dann auch Gruppen wieder. Das gemeinsame Wandern ist nicht unbedingt zu vergleichen mit einem Spaziergang mit Freunden, bei dem unentwegt gequatscht wird, wobei auch das vorkommt. Gemeinsam bedeutet ebenso, mit einem Abstand von ein paar Metern bis zu einigen Kilometern zueinander zu laufen.

Der Weg gleicht über weite Strecken eher einem Trampelpfad. Meine Assoziationen führen mich dabei zu einer großen Naturverbundenheit. Der Mensch als Teil des Ganzen. Was bleibt Dir in Erinnerung?


Sehr angenehm ist vor allem der natürliche Tag-/Nachtrhythmus, der durch nichts gestört wird. Man steht auf, wenn es hell und die Welt aktiv wird und legt sich schlafen, wenn es abends dunkel wird. Dieses Zusammenspiel wirkt unheimlich beruhigend und entspannend, man fühlt sich fitter und ausgeruhter. Das kennen wir in der modernen Zivilisation kaum noch. Dort bestimmt der Mensch mit all den technischen Möglichkeiten über Tag und Nacht. Es ist schön, die Mondphasen bewusst wahrzunehmen und gerade in der Wüste, konnte man gelegentlich bei hellem Mond noch in den späten Abend- und Nachtstunden laufen, wenn es angenehm kühl war. Tagsüber wurde das durch längere Siestas im Schatten wieder ausgeglichen. In Erinnerung bleiben mir auch die katzengroßen Grey Western Eichhörnchen, die erstaunliche Geräusche verursachen können und die in allen Farben und Formen existierenden Schlangen, Echsen Streifenhörnchen und Vögel. An einer Stelle konnte ich eine Bärenmutter mit zwei Jungen aus der Ferne betrachten, die aber nicht gefährlich waren und Klapperschlangen gab es natürlich auch. Unvergesslich werden auch die ganzen Landschaften, die ich in meinem Kopf gespeichert habe, bleiben. So etwas ist schon einmalig.

Apropos Nacht, Du hast ja in der freien Wildbahn geschlafen, hattest Du da nicht manchmal Angst?

Nein, ich habe mich sehr sicher gefühlt. Im Freien habe ich sogar besser geschlafen als in den Hotelbetten, die ich manchmal in den Dörfern aufgesucht habe, wenn sich der Proviant mal wieder dem Ende neigte. Nach einiger Zeit bekommt man einen Blick für gute Schlafplätze, sie sollten halbwegs eben sein, möglichst nicht am Wasser oder in einer Senke liegen, wo sich kalte Luft und Tau sammelt, oder zu exponiert sein. Am Ende des Tages beginnt man, schon nach einer geeigneten Stelle Ausschau zu halten, um nicht von der Dunkelheit überrascht zu werden. Die Frage nach der Hygiene kommt bestimmt auch (Grins). Ja, dass ist natürlich nicht mit zu Hause zu vergleichen. Man wäscht sich und seine Kleidung in Flüssen oder Seen, was natürlich nicht ganz so effektiv ist, wie eine heiße Dusche mit Seife und eine Waschmaschine. Da es aber jedem Wanderer so geht, fällt es nicht weiter ins Gewicht. In den Orten gibt es aber eigentlich immer die Möglichkeit das nachzuholen.

Du warst so viele Tage mit Dir und der Natur allein. Hast Du über Dich selbst Neues erfahren oder an Deinem Vorhaben jemals gezweifelt? Mochten Deine Füße Dich immer weitertragen oder haben Sie vielleicht auch gestreikt?

Das stimmt, ich war viel mit mir zusammen, aber ich kann Dir nichts Bahnbrechendes erzählen. Ich habe keine radikalen neuen Erkenntnisse über mich gewonnen. So wie ich bin, war ich auch auf dem Trail. Ich wollte mir einfach einmal die Zeit nehmen, um über manches in Ruhe nachzudenken und die Natur zu genießen. Es hat einfach Spaß gemacht und ich würde jedem empfehlen, einmal eine längere Zeit aus dem Alltag auszusteigen. Zweifel hatte ich zum Glück nie. Mit jedem hinzugekommenen Kilometer, wurde meine Motivation nur größer. Ich danke aber meinen Füßen, dass sie mich soweit getragen haben, wobei ich mich natürlich gut um sie gekümmert habe. Bis auf kleinere Wehwehchen kann ich mich nicht beklagen. Was mir im Nachhinein auffällt, ist, dass ich die Welt jetzt wesentlich entspannter sehe, ich mache mir nicht mehr so viel Stress. Die Zeit habe ich als pure Freiheit empfunden. Das war fantastisch.

Eine Frage noch zur Logistik? Wie hast Du das Problem gelöst, wenn Du neues Material brauchtest? Beispielsweise, wenn die Schuhe am Ende waren.

Das kam schon häufiger vor, ist aber im Onlinezeitalter überhaupt kein Problem. Es gibt zwar nicht überall Wlan, aber verschiedentlich doch. So habe ich in einem Onlineshop Neues bestellt, es an die Post des nächsten Ortes gesendet und es dort abgeholt. Über meinen Reiseführer bin auch an Adressen von Menschen gekommen, die für die Wanderer Pakete entgegennehmen. Dieser Fernwanderweg ist ja ein etablierter, so entstehen über die Jahre Netzwerke, die die Wanderer nutzen können.

Wenn sich andere für diesen Trail interessieren, was rätst Du Ihnen?

Ich kann nur sagen: Tut es! Es ist unbeschreiblich. Die Mischung aus Natur und mit sich allein sein, keine Zwänge von außen, frei sein, ist einfach klasse. Es geschafft zu haben, gibt einem Selbstvertrauen und Befriedigung. Die Leute, die man trifft, die Gespräche, die man führt, sind bereichernd.  Man fühlt sich wie in einer großen Familie. Die Einheimischen laden einen manchmal ein. Es sind Begegnungen, die man so schnell nicht wieder vergisst.

Im Vorfeld hatte ich wenige Möglichkeiten, an Infos aus erster Hand zu kommen, was die Vorbereitungen etwas erschwert hat. Wenn ein Leser nun Interesse hat, gebe ich mein Wissen gerne weiter. Ihr könnt mich gerne anmailen: m.doeppler(at)gmx.de.

Was reizt Dich als Nächstes?

Ich würde gerne herausfinden, ob ich es schaffe, einen Ultramarathon zu laufen. Mal sehen.

Da kann ich Dir einen Tipp geben. In Berlin gibt es den 100 Meilen (160km) Mauerweglauf am 15./16. August 2015. Vielleicht ist das etwas für Dich. Ich möchte mich für ein interessantes Gespräch bedanken, wünsche Dir für jedes weitere Vorhaben alles Gute und vor allen Dingen einen guten Start in Deinem alten Job bei McTREK in Berlin.


Danke, das wünsche ich Dir auch.

 

Weitere, eindrucksvolle Fotos von Michael Döpplers Wanderung über den Pacific Crest Trail aus dem Jahr 2014 findet Ihr hier.